ich wusste nicht, was ich tat, als ich mich auf die lehre als bankkaufmann einließ. „gregor, sicherheit…“, hatte mutter immer gesagt, „sicherheit is’ das wichtigste im leben, wo gibt. junge, geh zur bank. das is’ was mit zukunft!“ mutter war mit sicherheit nicht besonders klug, aber sie wusste zu überzeugen. „junge, du hast doch deine mama lieb, oder?“, fragte sie mit anklagender stimme, „du machst doch, was ich dir sage, oder? oder haste mich nich’ mehr lieb?“ „doch schon“, musste ich dann sagen, „natürlich, mutter.“ sonst wäre sie wieder in tränen ausgebrochen. als ich kind war, wollte ich eigentlich immer räuber oder pirat werden. diese ansätze zur gesetzlosigkeit hatte mutter wohlweislich im keim erstickt. und nun wurde ich eben das gegenteil von räuber und pirat: bankkaufmann. aber was sollte ich machen? mein vater konnte sich übrigens genauso wenig gegen die psychotour von mutter wehren. er hat seine frau nicht mehr ertragen können, als ich sechs war, und hat sich aus dem staub gemacht. feiger hund! und ich durfte die suppe auslöffeln, die er sich eingebrockt hatte. aber das nur am rande.
die ausbildung in der kleinen bankfiliale in diesem öden provinznest war todsterbenslangweilig. der bankdirektor: langweilig! die kollegen: langweilig! die kolleginnen: noch langweiliger! die kunden: reden wir nicht drüber! aber ich musste ja durchhalten – wegen mutter. wenn mutter einmal besonders guter laune war und mir eine freude bereiten wollte, nannte sie mich: „meine geliebte altersvorsorge!“ dann wusste ich nicht so recht, ob ich mich freuen sollte oder nicht. aber egal, hauptsache, sie war gut drauf. ich wollte mutter glücklich sehen. ich erzählte ihr auch nichts von dem magengeschwür, dass sich nach zwei jahren berufsleben gebildet hatte. wozu denn? hätte sie doch nur beunruhigt.
nach zehn jahren bank starb mutter. als mir drei tage nach ihrem tod plötzlich bewusst wurde, was das bedeutete, wurde ich komisch. ich mein’, ist doch auch ganz logisch: da hatte ich mein ganzes leben mit mutter - dieser weinerlichen, egozentrischen, despotischen irren! - ausharren müssen und mit einem schlag – im wahrsten sinne des wortes! – war sie weg! weg aus meinem leben! endlich war ich sie los! und jetzt gnade euch gottoderwerauchimmer, ihr bänker!
einen tag nach mutters beerdigung fing es an: ich stand hinter dem geldschalter,
als frau schlüter, eine betagte dame mit großem vermögen, auf
mich zukam und 50 mark von ihrem konto verlangte. „ach, die schlütersche
wieder! was denn nur 50 mark?! und morgen stehen sie hier wieder auf der matte
und heben 50 mark ab, oder wie?! hä?! und dann meinen sie, mir wieder von
ihrem offenen bein und blasenschwäche im alter erzählen zu müssen!
kann ich nich’ mehr hören, schlütersche. jetzt heben se mal
gleich 400 mark ab und bleiben die woche zu hause. kapito?!“, sagte ich
klar und deutlich. frau schlüter nickte erschrocken, nahm ihre 400 mark
und ging. meine kollegen starrten mich an, sagten aber nichts. sie sahen es
wohl als kleinen ausrutscher an und übten sich in solidarischem verhalten
ihrem kollegen, also mir, gegenüber. gut so. den rest des tages versuchte
ich mich bestmöglichst zusammenzureißen, konnte es mir allerdings
nicht verkneifen, nach feierabend, als bereits alle gegangen waren, gegen die
eingangstür der bank zu pissen. ich fühlte mich befreit.
am nächsten tag stand herr walter vor meinem schalter und wollte 20 mark
von seinem konto abheben. es war nicht möglich, denn sein konto war leer.
herr walter war verzweifelt. „ja, leck mich doch…“, schimpfte
ich, „wie sollen sie denn über die woche kommen, herr walter?“
herr walter zuckte mit den schultern. „soll er etwa klauen gehen?“,
rief ich demonstrativ in richtung warteschlange. die anderen kunden waren sich
nicht einig. einige nickten, andere schauten nur dämlich in die luft, als
hätten sie nichts bemerkt. “kommen se her, herr walter! nehmen sie
diese 200 mark. die bank hat heute mal einen guten tag und spendiert ein paar
scheine! na, nun nehmen sie schon!“ ungläubig blickte mich herr walter
an, griff dann aber schnell zu und verließ noch schneller die bank. ich
fühlte mich gut. und weil schenken einem das herz vor freude hüpfen
lässt, fuhr ich damit fort: „wer will nochmal, wer hat noch nicht?
hier, frau grabowski, sie haben es doch auch nötig!“ frau grabowski
zögerte nur kurz und nahm das geld schließlich dankbar an. dann ging
alles ganz schnell. die kunden drängten sich plötzlich um meinen schalter.
das motivierte mich. ich griff beherzt zum geld in der kasse, stopfte es in
sämtliche meiner sakko- und hosentaschen und verließ die enge, verglaste
zelle. im kundenraum kletterte ich auf einen der tresen und schmiss die vielen
scheine und das kleingeld in die menge. „nehmt euch, ihr armen dieser
stadt! nehmt! ihr habt schon soviel gegeben! holt euch zurück, was diese
verfluchten halsabschneider von bänkern euch tagtäglich aus der tasche
ziehen! ich stehe auf eurer seite!“, schrie ich. meine kollegen hatten
mittlerweile den bankdirektor geholt, diese gemeinen verräter. sie versuchten,
mich vom tresen herunter zu holen, aber ich verteidigte mich standhaft mit tritten.
unten im getümmel entdeckte ich erste verbündete, die sich mit vollem
körpereinsatz für meinen platz auf dem schalter einsetzten. „viva
la revolución!“, hörte ich mich brüllen. ich hatte in
meinem ganzen leben noch kein einziges spanisches wort gesprochen, aber heute
war der tag, an dem sich alles ändern sollte. heute wurde ich räuber
und pirat zugleich! heute konnten mich alle mal kreuzweise! viva!
die meute und ich nahmen den bankdirektor und meine verräterischen kollegen
in gefangenschaft. die hüter des gesetzes hatte noch keiner gerufen. wir
hatten also leichtes spiel. in aller ruhe räumten wir den geldschrank leer.
jeder durfte mal hineingreifen. nicht einen pfennig ließen wir in der
bank zurück, lediglich die gefesselten und geknebelten bänker. und
wenn sie nicht gestorben sind, dann liegen sie dort noch immer… keine
ahnung. ist mir auch egal. ich zumindest habe mich in die südsee abgesetzt
und genieße mein süßes leben als räuber und pirat…
und mutter, wenn du mich jetzt hörst: HEUL DOCH!