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brüssel. ein hotel. ein zimmer. zwei menschen. das tageslicht kämpft sich durch den kleinen spalt zwischen den gardinen, die schon einmal bessere tage gesehen haben. an den wänden blumengemusterte tapeten. ein waschbecken mit einem blinden spiegel darüber. ein tisch, ein stuhl, ein schrank. irgendjemand hat sich an der tür verewigt. das faustgroße loch zeugt von einer gewaltigen schlagkraft. einladend ist die atmosphäre dieses hotelzimmers ganz sicher nicht. aber die zwei menschen scheren sich wenig um die atmosphäre des zimmers. sie brauchen vielmehr ein versteck und haben es genau hier gefunden. ein ort, den nur sie kennen und niemand sonst. so bleibt es ihr ort, ein geheimnis, das nur sie teilen. fernab der welt da draußen. hier drinnen verbringen sie stunde um stunde, dennoch nie länger als einen halben tag. die zeit, die sie miteinander haben, ist knapp. zu knapp für viele worte. reden können sie mit jemand anderem. außerdem geht es hier um ganz andere dinge.

sie liegen aneinander gedrängt in dem schmalen bett. für eine zigarette danach ist noch zeit. einen arm hinter dem kopf verschränkt, liegt er entspannt da und raucht. sie dagegen schaut gelangweilt an die decke. natürlich weiß er, dass sie jetzt lieber aufstehen würde, aber er möchte noch ein wenig ihre haut an seiner spüren. deshalb drängt er darauf, dass sie liegen bleibt. wenigstens für diese eine zigarette.
wie jedes mal schweifen seine gedanken ab. er ist nicht wirklich bei der frau, die neben ihm ausharrt. die meiste zeit denkt er an seine nächsten termine. an das bevorstehende treffen mit dem franzosen, der in den letzten verhandlungen ein ganz harter hund gewesen sein soll. an das geschäftsessen heute abend. ob er die frau neben sich vor seinem rückflug nach berlin noch einmal wieder sehen wird. und er denkt an seine frau zuhause und seine zwei kinder, die gerade in diesem moment kindergeburtstag feiern müssten. verdammt, er hatte sich heute noch gar nicht bei seiner tochter gemeldet. wie alt wird sie doch gleich? elf? oder zwölf? er schämt sich ein bisschen wegen seiner unwissenheit.

ihr name ist jelena. das hat sie ihm aber erst nach ihrem dritten treffen verraten. sie ist ihm sofort aufgefallen. ihre dunklen augen, ihr weicher mund. und sie hat ihn gleich - so ganz ohne hemmungen - angesprochen. das imponierte ihm. er liebt frauen, die wissen, was sie wollen. und er liebt ihren russischen akzent. manchmal bittet er sie, etwas auf russisch zu sagen. nur ein wort. dann vergisst er sogar seine termine, die geschäftsessen und seine familie zuhause in berlin. dann ist berlin weit weg und brüssel so nah. das einzige, was er an jelena nicht ausstehen kann, ist ihre art von humor. seitdem sie weiß, wer er ist, nennt sie ihn andauernd „mein kleiner minister“. obgleich ihr rollendes „r“ dieser bezeichnung eine liebenswerte nuance verleiht, möchte er so nicht genannt werden. er ist nicht klein! was bildet sich diese frau eigentlich ein? sie kann gar nicht wertschätzen, wen sie da vor sich hat. oder auf sich gegebenenfalls. sie macht sich über ihn lustig. das hält er für geradezu impertinent! das ist inakzeptabel! doch bevor er sich in seinen ärger hineinsteigern kann, weiß sie ihn sofort zu beruhigen mit einem dieser russischen wörter, deren bedeutung er noch nie hinterfragt hat. es wäre möglicherweise sinnvoll, dies einmal zu tun, überlegt er sich.

in manchen moment fühlt er sich wie der hauptdarsteller eines schlechten kitschfilmes. der seichte familienvater in berlin und der leidenschaftliche held in brüssel. in der öffentlichkeit stets hardliner und moralist. sein leben ist gespalten. zerteilt in stücke, die einfach nicht zusammen passen wollen. aber er weiß, was er tut. er liebt eben die abwechslung. das war schon immer so. warum sollte er sich darüber gedanken machen? er ist glücklich. das wissen alle. er auch.

apfelshampoo. seine frau kauft immer apfelshampoo. sie und die kinder waschen sich immer ihre haare damit. wenn er sich zu seinen kindern herunterbeugt und ihnen einen kuss geben will, hat er diesen unerträglichen geruch in der nase. deswegen mag er seine kinder schon gar nicht mehr küssen. seine frau küsst er schon lange nicht mehr.
jelena duftet. sie hat nicht den geruch des alltäglichen an sich. sie duftet exklusiv. wahrscheinlich irgendein teures parfum, tippt er. ihr duft ist einer der gründe, warum er sich zu jelena hingezogen fühlt.

ob er seiner tochter noch ein geschenk besorgen soll, wenn er morgen zurück nach berlin fliegt? doch angesichts seines unerbittlichen terminplans kann er sich eine weitere auszeit kaum leisten. jelena dazwischen zu schieben bedarf schon einer besonderen taktik. zumal er sich eigentlich keine sorgen zu machen braucht. wie in den letzten jahren wird sich seine frau bereits um ein geschenk gekümmert haben, das sie ihm heimlich hinter dem rücken zusteckt, damit es so aussieht, als habe er es von seinen reisen mitgebracht. das schätzt er an seiner frau: sie funktioniert. aber das muss sie auch als ehefrau eines ministers.

neulich fragte ihn ein parteigenosse und guter freund, ob er denn seine frau noch liebte. diese frage kam unerwartet und brachte ihn zum nachdenken. zu behaupten, er liebte sie noch, wäre ein wenig übertrieben. er kommt vielmehr zu dem schluss, dass er und seine frau ein perfekt eingespieltes team sind. zusammen mit ihren kindern eine scheinbar glückliche familie. ob sie tatsächlich glücklich sind, darauf kommt es nicht an. entscheidend ist, dass sie zusammenhalten und so tun als ob. das ist wichtig in seiner position und für seine weitere politische karriere.
jelena ist im grunde genommen ein großer unsicherheitsfaktor. solche geschichten darf er sich im prinzip nicht erlauben. manchmal glaubt er, dass die treffen mit jelena nicht nur flucht vor dem alltag und dem grässlichen apfelshampoo sind, sondern auch den kleinen jungen in ihm wecken. es ist der reiz des verbotenen, der ihn lockt. das spiel mit dem feuer. so ganz ohne abenteuer geht es eben nicht. mit vernunft zu handeln verlangt bereits sein beruf tagtäglich von ihm. im privaten nimmt er sich die freiheit heraus, risiken einzugehen. nur auffliegen darf sein kleines geheimnis nicht. niemals. das wäre sein ende!

seine zigarette ist bis zum filter heruntergebrannt. jelena liegt unverändert da und starrt an die decke. es ist an der zeit zu gehen. ein letztes mal den duft von jelena einatmen. dann wirft er die decke zur seite und steht auf. jelena reagiert sofort und verlässt ebenfalls das bett. ohne große worte zu verlieren, ziehen sie sich an. kurz bevor sie das brüsseler hotelzimmer verlassen, treffen sich ihre blicke noch einmal. was jetzt kommt, ist wie ein ritual, das sie sich angewöhnt haben. er zieht seine brieftasche aus dem jackett und überreicht ihr 200 euro. sie zückt ein kleines stück papier aus ihrer handtasche und wedelt damit vor seiner nase hin und her. als er das erste mal von ihr eine rechnung verlangt hatte - natürlich hatte er ihr diktiert, was auf dieser rechnung zu stehen hat - sah sie ihn zunächst verwundert an, ließ sich aber dennoch darauf ein. er will schließlich nicht darauf verzichten, jelena von den spesen abzusetzen…

 
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